So langsam hatte ich eigentlich geglaubt, mich in das Thema analoge Fotografie einzugewöhnen. Was für ein Irrtum.

Wenn ich bei meinen digitalen Kameras auf den Auslöser gedrückt hatte, war es eher selten, dass mich der dann folgende Blick auf den Display massiv überrascht hätte. Dafür sorgten letztlich Autofokus, Blenden- oder Zeitautomatik, verstellbare ISO. Selbst in schwierigen Lichtsituationen gab es selten große Abweichungen von der Erwartungshaltung. Vielleicht war mal die Belichtungskorrektur etwas überambitioniert, Personen verzogen doch das Gesicht oder die Augen waren zu, das war’s eigentlich. Die Quote verwendbarer Fotos war selbst bei Available Light üblicherweise zwischen 10 und 20 Prozent, wobei es in den wenigsten Fällen echte technische Fehler waren, die Aufnahmen zum Ausschuss degradierten.

Erwartungen erfüllt!

Available Light – Jazz in Grafing


Mit der Mamiya sieht es nun auf einmal ganz anders aus. Ich fange fast von vorn an, was das Fotografieren angeht. Die Zusammenhänge von Licht, Zeit, Blende, Empfindlichkeit und Brennweite sind zwar gleich, in der Anwendung ist aber schon ein gewaltiges Umgewöhnen erforderlich.

Zunächst das Gute – auch wenn ich bei der Brennweite etwas umrechnen muss, die drei bisher verfügbaren Optiken passen. 35 mm f/3.5 stellen ein tolles Weitwinkel1 mit für mich kaum sichtbaren Verzerrungen dar. Extremer dürfte da höchtens noch ein 24 mm f/42 sein. Hier würde ich aber vom “nice to have” sprechen. Das 80 mm f/2.83 stellt die Normalbrennweite dar und ist für meinen Geschmack eine ausgezeichnete Linse. Auf dem Markt wäre zwar noch ein 80 mm f/1.9 verfügbar, inwieweit sich aber dieses Rekordobjektiv4 für mich lohnen würde, sei dahingestellt. Die dritte Linse in meiner Fototasche ist das 150 mm f/3.55. Dieses Objektiv habe ich für Portraits verwendet.

So, Ende der guten Nachrichten. Die Linsen sind scharf, das haben meine ersten Tests gezeigt. ABER: die ersten belichteten Negative (und Positive) waren wegen schlechter oder fehlender Scans sowie fehlendem Vergrößerer nur schwer zu beurteilen. Hier muss ich mir einen ordentlichen Workflow überlegen. Die letzten beiden Filme hatte ich bei www.meinfilmlab.de entwickeln und – wichtig – scannen lassen. Somit habe ich zumindest einmal eine gewisse Referenz, was die Beurteilung meiner Aufnahmen angeht.

Mein persönliches Urteil ist – vorsichtig formuliert – eher verhalten. Ja, ich kriege scharfe Bilder hin. Die Quote ist aber (noch) eher gering. Es ist eben schon etwas anderes, wenn man mit (schnellem) Autofokus6 unterwegs ist, oder aber sich auf das eigene Auge und den Schnittbildsucher verlassen muss. Vermutlich muss ich in die Trickkiste greifen und eben nicht ganz offenblendig fotografieren, was die Schärfentiefe vergrößert und die Chance des Treffens erhöht.

Schärfetest Mamiya 645 Pro TL

Schärfetest


Das Schwarmwissen7 befragt, kam dankenswerter Weise der Hinweis, das Objektiv mindestens um ein bis zwei Blendenstufen abzublenden. Das werde ich auf jeden Fall ausprobieren.

Was mich in der Beurteilung der Schärfe etwas ratlos macht, ist der Umgang mit Körnung.

Körnung – Klick zum Vergrößern

Auch hier gab es gute Hinweise aus den Weiten des Internets – Lerne den Umgang mit dem Medium Film.

Der verwendete Film8 ist eigentlich ein guter Allrounder, was ich so mir angelesen habe. Jetzt kommen aber Informationen, über die man als Digitalfotograf eigentlich nie nachdenken muss. Neben der Nennempfindlichkeit des Films gibt es eine “wahre” Empfindlichkeit. Toll, nicht?! ISO 400 waren für mich bisher immer ISO 400 und nicht ISO 320! Die Empfehlung lautet: Gib dem Film mehr Licht! Dann kommen die Farben pastelliger und das Korn verringert sich. Wie gut das funktioniert, müssen neue Testaufnahmen zeigen.

Worüber sich Nina Hagen mit ihrem Wunsch nach Farbfilm echauffierte, für mich ist Schwarzweiß doch viel angenehmer.

Lucki im Schaufenster – schändlich gescannt mit Handy-App, durchleuchtet vom Tablet – Klicken zum Vergrößern

Auch wenn der “Scan” nicht wirklich repräsentativ ist, eine Tendenz ist für mich dennoch klar. Schwarzweiß gefällt mir besser und selbst der miserable “Scan” zeigt schon das Potential des Fotos.

Für mich komplettes Neuland aber interessante Option ist das Pushen9 und Pullen10 von Filmen, hauptsächlich Schwarzweiß. Der “Lucki” wurde auf einem gepushtem Schwarzweißfilm11 aufgenommen. Der Effekt des Ansteilens, also recht harte Kontraste und wenig Abstufungen in den Graustufen kommt mir sehr entgegen, weil ich auch digital diesen Effekt bei Schwarzweißbildern relativ intensiv nutze.

Nette Nieten

“Nette Nieten” – ein Schwarzweiß-Beispiel aus der digitalen Welt

Erkenntnis aus den bisherigen Versuchen in der analogen Welt:

  • Film ist ein im Moment noch ein schwer vorhersehbares Medium
  • Farbfilm wird wohl eher meine zweite Wahl werden
  • Schwarzweißfilm bietet erstaunliche Möglichkeiten, nicht korrigierbare Fehler sind nur schwer möglich
  • Fokussieren muss ich üben, üben, üben

Das Experiment analoge Fotografie wird auf jeden Fall weitergeführt. Nächste Schritte sind zunächst das Belichten weiterer Filme unter Berücksichtigung der erhaltenen Tipps. Das Entwickeln des Films sollte ich mittelfristig in die eigenen Hände nehmen. Für das Scannen oder Abfotografieren brauche ich eine vernünftige Lösung und als Fernziel sollte das Vergrößern ebenfalls zu Hause erfolgen.

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